Der Tag, an dem die Welt still stand

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letzte Ausstrahlung am 01.12.2019

Tod meines Vaters

Der Tag, an dem die Welt still stand

von Clarissa, Fräulein Wunder am 19.11.2016


Als ich 17 Jahre alt war, habe ich meinen Stief-Papa verloren. Er ist von einem Tag auf den anderen gestorben. Das ist jetzt schon acht Jahre her. Angeblich heilt Zeit alle Wunden. Erwachsene posaunen diese Floskel immer raus. Ganz unrecht haben sie damit auch nicht. Aber sowas hinterlässt immer Spuren und DAS sagt einem in dem Moment leider niemand.

Trauernde durchlaufen laut der Schweizer Psychologin Verena Kast vier unterschiedliche Phasen. Die erste Phase ist die des Nicht–wahrhaben–Wollens. In der zweiten Phase brechend die Emotionen aus einem heraus. Die dritte Phase beschreibt den Prozess des Suchens und Sich–Trennens. Die letzte Phase ist der Neuanfang und das Weiterleben mit dem Verlust.

Wenn ich jetzt zurückschaue, bin ich durch genau diese vier Phasen der Trauer hindurchgegangen. Zum damaligen Zeitpunkt habe ich das natürlich nicht gemerkt. Da war alles nur Scheiße und hat wehgetan!

1. Phase: Das ist alles nicht wahr und unecht! nach oben

Genau so fühlt es sich an – wie ein so richtig beknackter Film. Der Gedanke: „Hey, wo ist die versteckte Kamera? Das muss doch ein verdammt schlechter Scherz sein?!“ schlich sich auch in den ersten Tagen immer wieder ein.

Ich weiß es noch genau: Meine Mutter saß am Computer im Arbeitszimmer und bat mich, reinzukommen. Ich zockte gerade mit meinem jüngeren Cousin Videospiele. Genervt davon, dass ich das Spiel unterbrechen musste, ging ich zu meiner Mutter ins Zimmer. Und dann nahm sie meine Hände und sagte sehr weinerlich: „Dein Papa ist heute gestorben – er ist einfach umgekippt“.

Das Verrückte kam dann: Ich hörte ihre Worte, aber es kam nichts an. Als hätte man den Fernseher auf Stumm geschaltet. Man sieht die Bilder, aber verstehen tut man nix.
Ich bin dann einfach wieder ins Wohnzimmer gegangen und hab auf der Konsole „Play“ gedrückt.

"Das, was ich da erlebte, war ein Gefühlsschock. Ich konnte diese Nachricht nicht verarbeiten und war überfordert. Deswegen habe ich mich so betäubt gefühlt."

2. Phase: Gefühlschaos nach oben

Realisiert habe ich das Ganze wirklich erst, als ich an dem Abend alleine in meinem Bett lag und dann kamen auch schon die Tränen. Die blieben dann auch die ganze Nacht. „Heul-Kotze“ habe ich es immer genannt. Wenn ich mich beruhigt hatte, kam es gleich wieder hoch. Die nächsten Wochen ging ich wie ein kleiner Zombie zur Schule. Mein Körper war anwesend, aber mein Hirn war irgendwo und nirgendwo.

Es gab Tage, da habe ich mich ganz normal mit meinen Freunden unterhalten, gequatscht und gelacht. Dann gab es Tage, an denen war ich einfach aggro. Habe meine Freunde angeschwiegen oder rumgezickt, sie sollen mich einfach in Ruhe lassen. Wieso es an einem Tag so war und an einem anderen so, das kann ich euch echt nicht erklären.

"Heute weiß ich allerdings, dass das normal ist. Ich durchlebte Wut, Trauer, Zorn, Angst oder Schmerz manchmal an einem Tag. Meine Stimmung kippte innerhalb einer Minute. Und meine Freunde mussten es ertragen, denn sie konnten meinen Verlust ja nicht teilen."

3. Phase: Einmal ausgekippt und jetzt sortieren nach oben

Bis die Phase kam, ist echt viel Zeit vergangen. Irgendwann habe ich aber gemerkt: „Aha, da verändert sich was“. Ich habe mich nämlich manchmal so gefühlt, als wenn eine zweite Clarissa neben mir stand und mich beobachtet und sich vielleicht so denkt: „Warum bist du jetzt so? Warum machst du das?“. Das klingt total schräg, aber so hat sich das halt angefühlt.

Naja, auf jeden Fall habe ich dann immer häufiger darüber nachgedacht: „Wie würde das der Papa jetzt finden? Der will bestimmt nicht, dass du dich so hängen lässt. Der will bestimmt, dass du in der Schule aufpasst und Spaß und Freude hast!“. Alleine mir immer die Frage zu stellen: „Wie würde Papa das jetzt sehen? Wie würde er das jetzt wollen und machen?“ war ein echt guter Anfang, über den Verlust hinwegzukommen.

"In der vorletzten Phase setzte ich mich mit dem Verlust auseinander. Ich dachte viel an Momente, die ich mit ihm erlebte und erzählte Geschichten von ihm. Das beruhigte mich, denn ich lernte: Auch wenn er nicht mehr da ist, lebt er trotzdem in meinen Erinnerungen weiter."

4. Phase: Aufrappeln, denn das Leben geht weiter nach oben

Als ich meinen lieben Papa verlor, habe ich niemals geglaubt, dass es diese Phase gibt. Heute bin ich sehr froh, dass sie dann doch kam. Das ist auch die Phase, vor der ich mich gefürchtet habe – denn mich plagte ein schlechtes Gewissen. „Darf ich das überhaupt? Vergesse ich die Person dann nicht?“. Alles Quatsch!

Ich werde meinen Papa nie vergessen. Tief im Inneren weiß ich, dass er es nicht gewollt hätte, wenn ich für immer traurig wäre. Dieser Gedanke wird mich ein Leben lang begleiten. Deswegen fand ich irgendwann mein Lachen wieder. Mich erfüllt ein wohliges Gefühl, wenn ich mich an all die großartigen Momente mit ihm zurück erinnere.

"Ich habe gelernt, mein Leben nicht mehr von der Trauer bestimmen zu lassen. Denn am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende."

Heute habe ich dieses Bild hier als Hintergrund auf meinem Handy und jedes Mal wenn ich es sehe, freue ich mich.

Clarissa, Fräulein Wunder Clari in drei Sätzen: "Hallo Hamburg: Moin, Moin! Hallo München: Servus! Hallo Berlin: FRESSE oder wie du heißt!“ Sie beißt nicht, versprochen. Aber was sagen wir: lerne die zauberhafte Clarissa einfach selbst kennen.

Vier Phasen der Trauer

Wer hat's erfunden?

Die Schweizerin Verena Kast lehrte als Professorin an der Züricher Universität Psychologie. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Trauer und stellte fest, dass Trauende vier Phasen durchleben.