Handy - wann ist viel zu viel?!

KUMMERKASTEN

Handy - wann ist viel zu viel?!

Experten geben Tipps

Kinder wünschen sich viele Sachen. Doch unangefochten auf Platz Eins ihrer Wunschliste steht das Smartphone. Die kleinen mobilen Computer für die Hosentasche sind wahre Alleskönner, und so werden sie von Kindern auch genutzt. Damit lässt sich fotografieren, spielen, chatten, Musik hören und Videos schauen. Doch was, wenn das Handy zu oft benutzt wird?

Mediensucht - ein Interview mit Dr. Schumm nach oben

Was bedeutet Mediensucht?

Dr. Schumm: Das Nutzen von Medien gehört zum Standard einer kindlichen Entwicklung. Es ist normal, digitale Medien zur Kommunikation zu nutzen und mit unterschiedlichen Formen der Selbstdarstellung zu experimentieren. Die Nutzung von Medien wird auch in den Schulen immer wichtiger.

Letztlich macht, wie überall in der Medizin, die Dosis das Gift. Langes Spielen oder das Verbringen von Zeit in sozialen Netzwerken bedeutet nicht gleich, eine Sucht zu haben. Vielmehr ist es von Bedeutung, welchen Einfluss und mögliche Folgen der Konsum auf die kindliche Entwicklung hat und ob es möglich ist, diesem dann entsprechend zu begegnen.

Welche Anzeichen gibt es?

Schnell befindet man sich im digitalen Hamsterrad.

Dr. Schumm

Dr. Schumm: Die Möglichkeit des schnellen Austausches von Informationen übt auf manche Kinder enormen Druck aus. Manche haben das Gefühl, nichts verpassen zu dürfen (Always-On-Mentalität) aus Angst davor, aus einer Gruppe ausgeschlossen zu werden (Fomo – Fear of Missing out). Die Welt von anderen Kindern erscheint oftmals spannender als die Eigene. Der persönliche Alltag wird als trist erlebt. So wird oftmals versucht, andere in der Frequenz der Selbstmitteilung und Form der Selbstdarstellung zu überbieten. Die Rückmeldungen geschehen meist unmittelbar in Form von Kommentaren, Likes oder Dislikes. Das kann Stress auslösen.

  • zunehmende Müdigkeit in der Schule, da bis spät in die Nacht konsumiert wird
  • Einschlafprobleme oder Probleme dem Unterricht zu folgen, da die Gedanken sich weiterhin mit dem Konsum beschäftigen
  • Vernachlässigung von Hobbys oder Pflichten wie die Erledigung von Hausaufgaben, Verschlechterung der schulischen LeistungenVernachlässigung der eigenen Körperhygiene, Veränderung der Essgewohnheiten bis hin zum Verzicht auf Mahlzeiten
  • vermindertes Interesse an der Aufrechterhaltung sozialer Kontakte, wie dem Treffen mit Freunden
  • der Alltag wird um den Konsum herum organisiert
  • Auftreten von Nervosität, körperlicher Unruhe, Gereiztheit und Traurigkeit bei zeitweisem Verzicht der Medien
  • es wird die meiste Zeit des Tages lieber allein im Zimmer verbracht
  • trotz des Wissens, um bereits eingetretene, negative Folgen durch den Handykonsum, gelingt es nicht, diesen zu verändern

Wie viel dürfen Eltern sich einmischen und reglementieren?

Dr. Schumm: Kinder sind meist zu Beginn der Nutzung mit dem Handy ohne kompetente Einführung und Anleitung überfordert. Es liegt in der elterlichen Verantwortung, die Kinder bei den ersten Schritten im Internet zu begleiten. Nur so ist es wahrscheinlich, schon frühzeitig für Gefahren zu sensibilisieren und auf eigene sowie die Rechte anderer hinzuweisen. Beispielsweise auf die Gefahr von Cybermobbing durch permanente, meist anonyme und schnell verbreitete Informationen im Netz über einen selbst oder auf die Beachtung von Bild- und Musikrechten.

Auch über mögliche Folgen von Sexting (Kommunikation über sexuelle Themen u.a. Versenden von Nacktbildern), Grooming (Anbahnen von Kontakten durch Erwachsene in Chatforen), Gewaltverherrlichung und der Einsatz von Geld in Spielen (In-App-Käufe) sollte thematisiert werden. Eltern haften letztlich für die inhaltliche Nutzung des Internets durch ihre Kinder.

Insbesondere zu Beginn der Handynutzung empfiehlt es sich, einen gemeinsamen Mediennutzungsvertrag mit festgelegten Regeln und Bedingungen zu vereinbaren. Kinder können ihr Wissen auch selbstständig erweitern. Ebenfalls kann eine Eltern-Kind-App hilfreich sein, welche verschiedene Handyvertragsanbieter in ihrem Angebot haben. Mit zunehmenden Alter und Erwerb von Kompetenzen, kann man die Reglementierung und Kontrolle des Konsums reduzieren. Es sollte jedoch immer auch das Gespräch mit dem Kind gesucht und auf mögliche Frühwarnzeichen Acht gegeben werden.

Welchen Einfluss hat das Medienverhalten der Eltern?

Dr. Schumm: Kinder orientieren sich am Konsumverhalten ihrer Freunde und vor allem an dem ihrer Eltern. Eltern fungieren als Modell. Kinder ahmen nach, beziehungsweise interpretieren das Konsummuster anderer als bedenkenlos und übernehmen es. Es ist sehr zu empfehlen, die eigene Vorbildrolle kritisch zu überprüfen. Gegebenenfalls ist es ratsam, den eigenen Kindern auch zu erläutern, weshalb die Nutzung mancher Inhalte im Internet erst ab einem gewissen Alter günstig oder gar erlaubt ist.

Wo finden Eltern professionelle Unterstützung?

Dr. Schumm: Die Inanspruchnahme kompetenter Hilfe findet man beispielsweise in Suchtberatungsstellen oder in den Ambulanzen von Kinder- und Jugendpsychiatrien.

Für den Alltag: 5 konkrete Tipps nach oben

Checkliste
  • 1. Zeigen Sie als Eltern Interesse an den Konsuminhalten Ihres Kindes und hinterfragen Sie Bedürfnislagen.
  • 2. Erweitern Sie Ihr Wissen, um Unsicherheiten zu minimieren und gestärkter mit dem Thema umgehen und letztlich auch kompetenter in Gedankenaustausche mit Ihrem Kind gehen zu können.
  • 3. Etablieren Sie gemeinsame handyfreie Aktivitäten.
  • 4. Seien Sie vor allem in der Anfangszeit der Nutzung digitaler Medien streng und halten sich an selbstaufgestellte Vereinbarungen.
  • 5. Zögern Sie nicht, sich Unterstützung im Hilfesystem zu holen.

Digital Detox - "Leg doch mal dein Handy weg!" nach oben

Digital Detox - das ist der bewusste Verzicht auf das Handy. Das so genannte Handy-Fasten ist ein guter Test, um herauszufinden, ob man noch gut ohne das Smartphone auskommt. Wichtig für Digital Detox ist, dass nicht nur der Verzicht im Fokus steht, sondern dass andere positive Anreize geschaffen werden und die Aufmerksamkeit so (wieder) auf rein analoge Reize im eigenen Umfeld gelenkt werden. Probieren Sie es selbst aus – in der Familie oder als gestellte Hausaufgabe oder Projektarbeit in der Schule!

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